MyIHS Demo-Anwendung
des Universitätsrechenzentrums Leipzig
  1. Datenbankgestützte Erfassung, Erforschung und digitale Präsentation der Familienbibliothek Refaiya (2008 - 2013)
  2. Die Familienbibliothek Refaiya
  3. Kodikologische Erfassung und Katalogisierung
  4. Erforschung der Sekundäreinträge in der Refaiya
  5. Die Bucheinbände der Refaiya (in Auswahl)
  6. Technische Aspekte

1. Datenbankgestützte Erfassung, Erforschung und digitale Präsentation der Damaszener Familienbibliothek Refaiya in der Universitätsbibliothek Leipzig (2008 - 2013)

Das Projekt hat die wissenschaftliche Erforschung, datenbankgestützte Erschließung und digitale Präsentation der arabisch-islamischen Privatbibliothek der Familie Rifā‛ī aus Damaskus zum Ziel. Diese 488 Bände umfassende und bis ins 19. Jahrhundert über mehrere Jahrhunderte hinweg vererbte und gepflegte Bibliothek, die den Namen "Refaiya" ( Rifā‛īya ) trägt, ist der kostbare Kern der ca. 3200 orientalischen Manuskripte, die in der Universitätsbibliothek Leipzig aufbewahrt werden. Es handelt sich dabei um ein wohl einmaliges Beispiel einer geschlossenen, traditionellen arabisch-islamischen Familienbibliothek. Durch den Ankauf durch den preußischen Konsul und Arabisten Johann Gottfried Wetzstein von ihrem letzten Besitzer, ‛Umar Efendi ar-Rifā‛ī al-Ḥamawī, im Jahre 1853 konnte sie unversehrt im historischen Bestand gesichert werden. Deutsches Konsulat in Damaskus

Als kulturelles Archiv einer islamischen Gelehrten-, Wissens- und Buchtradition, die in der Epoche ihres Verkaufs unterging, trägt die Refaiya Spuren ihrer Geschichte, der Geschichte ihrer Besitzer und Nutzer. Sie verspricht somit Antworten auf historische, kulturwissenschaftliche und überlieferungsgeschichtliche Fragestellungen.

Übergreifendes Ziel des Projekts ist es, die Refaiya in Beziehung zum historisch-kulturellen Umfeld, dem sie entstammt und in dem ihr Funktion und Bedeutung zu eigen waren, zu erfassen und zu untersuchen. Die dreisprachige Datenbank (Deutsch, Englisch und Arabisch) und die Digitalisierung ermöglichen die Präsentation einer in sich geschlossenen vormodernen Damaszener Familienbibliothek im Internet und werden die Handschriften international - und somit auch wieder in der islamisch geprägten Welt - für die weitere Erforschung zugänglich machen. Die informationstechnische Erfassung der Refaiya-Handschriften stützt sich dabei auf die im DFG-geförderten "Pilotprojekt zur datenbankgestützten Erschließung und digitalen Bereitstellung der neu erworbenen arabischen, persischen und türkischen Handschriften der Universitätsbibliothek Leipzig" erarbeitete Datenbank ( www.islamic-manuscripts.net).
Projektlaufzeit: 2008 - 2013.

gefoerdert von der DFG
Die Personeneinträge wurden erarbeitet mit freundlicher Unterstützung von ESF Logo

2. Die Refaiya-Bibliothek

Die Refaiya-Bibliothek umfasst 488 Handschriftenbände, darunter 89 Sammelhandschriften. Im Laufe des Erwerbungsprozesses wurden einige der Refaiya-Handschriften aussortiert, einige der Sammlung hinzugefügt, so dass die zunächst in Leipzig unter der Signatur D.C. erfassten 432 Bände von 1853 bis 1855 auf 488 erweitert wurden. Je nach Zählung von Band, Sammelhandschrift oder Werk kann es in den Publikationen zu voneinander abweichenden Zahlenangaben kommen. Die Manuskripte liegen größtenteils als sorgfältig geschriebene und gut benutzbare Exemplare vor. Sie sind mit orientalischen Ledereinbänden bzw. Einbänden mit Deckeln aus Pappe, Buntpapier sowie marmoriertem Papier versehen. Unter ihnen befinden sich auch 16 wertvoll verzierte und illuminierte Bücher sowie, nach Fleischer, zwölf vermutliche Autographen. Bezüglich des Inhalts der Werke hob Fleischer zurecht als bemerkenswert hervor, dass die in nahöstlichen Moschee- und Madrasa-Bibliotheken ubiquitären koran- und religionswissenschaftlichen Werke, Kommentare und Metakommentare in dieser privaten Bibliothek "in angemessenen Schranken" gehalten sind und dass die spezifische Zusammensetzung der Sammlung einen offensichtlich "planmässig(en)" Charakter habe. Damaskus - Umayyadan-Moschee

Tatsächlich bildet die Refaiya einen Querschnitt durch die Vielzahl traditioneller islamischer Wissensgebiete mit einem vergleichsweise hohen Anteil an Büchern zur Poesie (44 Exemplare) und Mystik (41 Exemplare). Auch andere Genres, die in öffentlichen islamischen Handschriftenbibliotheken eher selten bzw. gar nicht zu finden sind - wie historiographische Werke, Biographien, belles lettres / Adab-Literatur, Reiseberichte, Jagdliteratur, Naturwissenschaften und nicht zuletzt Erotik -, sind mit jeweils mehreren Exemplaren vertreten. Die älteste, wissenschaftlich sehr wertvolle Handschrift (Vollers Nr. 0505) ist eine Sammelhandschrift, die aus drei Werken besteht. Zwei davon sind auf das Jahr 990 AD (380 h.) datiert und beinhalten die Diwane (Gedichtsammlungen) der Dichter Abū Ṭālib ‛Abd Manāf (0505a) und Abū´l-Aswad ad-Du´alī (0505b). Das dritte Werk, der Diwan von Suḥaim ʽAbd Banī l-Ḥasḥās (0505c), ist unvollständig und nicht datiert, kann aber mit größter Wahrscheinlichkeit demselben Jahrhundert (oder Jahr?) zugeordnet werden, zumal alle drei Werke von demselben Kopisten geschrieben wurden. Auch Überlieferungszeugen der darauf folgenden Jahrhunderte sind Teil der Refaiya. Neben der ältesten Handschrift aus dem Jahr 380/990 (Nr. 505) und der jüngsten aus dem Jahr 1262/1846 (Nr. 758) beherbergt die Refaiya-Bibliothek Handschriften aus allen Jahrhunderten, mit einem leichten Schwerpunkt auf dem 17.-18. Jahrhundert.

Auffallend ist die Vielzahl der sekundären Eintragungen, wie Besitzer- und Lesevermerke, in nahezu allen Handschriften. Sie geben beredt Zeugnis von der aktiven Nutzung der Bibliothek. Die Fülle dieser über den eigentlichen Text hinausweisenden Marginalnotizen lässt darauf schließen, dass die Bibliothek in den Jahrhunderten ihrer Existenz ein Ort intensiver geistiger Auseinandersetzung im Umfeld der Familie Rifā‛ī sowie möglicher Vorbesitzer war.

Die Bibliothek enthält somit nicht nur einzigartige Werke und Überlieferungszeugen. Als materiell gut erhaltene sowie inhaltlich offenbar nach individuellen Vorlieben zusammengestellte, historisch gewachsene Sammlung eröffnet sie einen Einblick in die geistigen und kulturellen Interessen ihrer Besitzer in den Phasen vor Beginn der frühen Modernisierung, deren Auswirkungen schließlich alle Sektoren des öffentlichen und privaten Lebens so radikal verändern sollten, dass sie auch selbst ihren Wert und Nutzen als Handschriftenbibliothek verlor.

3. Kodikologische Erfassung und Katalogisierung

Der Katalogeintrag zu den Refaiya-Handschriften ist zweigeteilt. Der erste Teil enthält detaillierte Informationen zum Inhalt der jeweiligen Handschrift; der zweite Teil gibt die relevanten kodikologischen Merkmale wieder. Die Beschreibung lehnt sich dabei an das Datenmodell an, welches für das Pilotprojekt entwickelt wurde und den Richtlinien der KOHD (Katalogisierung der Orientalischen Handschriften in Deutschland) verpflichtet ist. Das Refaiya-Datenmodell weist jedoch einige Modifikationen zum Pilotprojektmodell auf. So erfolgt die Erschließung der verschiedenen Arten von Sekundäreinträgen in einer separaten Struktur (Historische und prosopographische Bearbeitung). Während der Buchschmuck nähere Betrachtung erfährt, bleiben der Zustand des Bucheinbandes und Beschreibstoffes sowie die Ausführung der Schrift unberücksichtigt. Schließlich werden Incipit, Explicit als auch Kapiteleinteilungen nur dann wiedergegeben, wenn das Werk (Titel und/oder Autor) nicht zu ermitteln ist.

Im Überblick gesehen gliedern sich die Kriterien für die inhaltliche und äußerliche Erschließung wie folgt:

Äußerer Teil Inhaltlicher Teil
Anzahl der Bände Sprache
Einband Alphabet
Beschreibstoff (Material, Farbe, Wasserzeichen) Region
Blattzahl Schreiber
Blattformat Datum der Abschrift
Textspiegel Autor (Kurzform, vollständig, Todesdatum, Todesort, Wirkungsort, bibliographische Referenz)
Zeilenzahl Titel (wie in Handschrift, vollständig)
Kustoden Vollständigkeit
Schrift (Duktus, Tinte) Thematik
Illumination / Illustration / Miniaturmalerei Inhalt
Weitere Exemplare
Editionen / Literatur

4. Erforschung der Sekundäreinträge in der Refaiya

Ziel der historischen Forschungsperspektive ist es, die Geschichte einer vormodernen, über mehrere Generationen hinweg tradierten arabisch-islamischen Privatbibliothek zu rekonstruieren und in familienhistorischen sowie in sozialen, kulturellen und politischen Zusammenhängen der osmanischen Geschichte Syriens zu verankern.

Ergänzend zur historischen Forschungsperspektive geht die buchhistorische Analyse im Wesentlichen von der einzelnen Handschrift aus. Sie analysiert die zahlreichen sekundären Eintragungen, Kolophone, Glossen, Kollationen, äußeren Merkmale etc., um detaillierte Auskunft über die Biographie der Handschriften und damit auch der Bibliothek zu erhalten.

Folgende Unterteilung nach Arten der Sekundäreinträge kommt dabei zur Anwendung:

  •    Besitzer
  •    Stifter
  •    Überlieferer
  •    Kollationsvermerk
  •    Leser
  •    Verkäufer
  •    Geburtsvermerk
  •    Todesvermerk
  •    Verschiedenes

Systematisch in einer Datenbank erfasst, können diese oft kurz und unscheinbar wirkenden, meist nur aus Namen und Devotionsformeln bestehenden Notizen, doch erstaunlich viele Fragen beantworten. Welche sozialen Schichten hatten Zugang zu Büchern, welchen materiellen Wert hatten die Handschriften, welche Titel fanden besonderes Interesse, welche Literaturgattungen und Bücher wurden auch von christlichen und jüdischen Lesern genutzt? Nicht zuletzt geben die Einträge auch Aufschluss über Alter und Überlieferung einzelner Handschriften oder, im Fall der Refaiya, die Entwicklung ganzer Bibliotheken.

5. Die Bucheinbände der Refaiya (in Auswahl)

Die Einband-Datenbank des Refaiya-Projektes ist ein Pilotprojekt, welches erstmalig islamische Bucheinbände im Internet systematisch darstellt und indexiert. Das übergeordnete Ziel dieser Datenbank ist, eine Vergleichsbasis für die Ornamentik der islamischen Bucheinbände zu schaffen und längerfristig eine zeitliche und lokale Einordnung der Bucheinbände zu ermöglichen. Die Datensätze gliedern sich in eine Gesamtbeschreibung und Detailbeschreibungen. Der Gesamteintrag bietet Basisinformationen zum jeweiligen Einband und seiner ornamentalen Ausschmückung im Allgemeinen. Bei den Detailbeschreibungen werden die einzelnen Ornamente der jeweiligen Einbandkomponenten (Vorder-, Rückdeckel, Steg, Klappe, Buchrücken) erfasst. Für die bildliche Präsentation wurden maßstabsgetreue Durchreibungen des gesamten Einbandes sowie der einzelnen Ornamente angefertigt. Der Vorteil von Durchreibungen gegenüber Digitalisaten ist, dass sie die Feinheiten der Ornamentik deutlicher und kontrastreicher zur Geltung bringen. Durch die Verlinkung der Einbandbeschreibungen mit dem Katalogisat der jeweiligen Handschriften, können neben den Durchreibungen auch die Scans der Bucheinbände abgerufen werden.

6. Technische Aspekte

Wie beim Pilotprojekt wurden alle Metadaten und die gescannten Bilder auf dem System MyCoRe abgebildet (http://www.mycore.de), das speziell auf die Bedürfnisse digitaler Bibliotheken und Archivlösungen abzielt. Es weist u.a. ein flexibles, konfigurierbares Metadatenmodell, ein internes, hierarchisches Dateisystem, hierarchische Klassifikationssysteme sowie Benutzer- und Rechteverwaltung auf. Der Kern der Software unterliegt den Bestimmungen der GNU (General Public License), und der Arbeitskreis betreibt die Weiterentwicklung als Open-Source-Projekt.

Um die Softwarelösung aus dem Pilotprojekt in das Refaiya-Projekt zu übertragen, wurde zunächst ein Template entwickelt, das als Vorlage für datenbankgestützte Projekte im Allgemeinen dient. Dazu musste eine möglichst standardisierte Anwendungsversion erarbeitet werden (MyIHS), die ohne großen Aufwand an die spezifischen Ansprüche des Refaiya-Projekts angepasst werden konnte.

Die Scandaten orientieren sich ebenfalls an den im Pilotprojekt erarbeiteten Standards. Die Masterscans wurden bei einem Größenverhältnis von 1:1 mit einer Auflösung von 300 dpi aufgenommen. Die Farbtiefe beträgt 48 bit. Ausnahme sind vom Kodikologen eindeutig gekennzeichnete Seiten mit Illuminationen, Wasserzeichen u.ä., die mit 600 dpi gescannt wurden. Als Dateiformat für die Masterscans kam wieder das Tiff-Format zum Einsatz, das eine ausreichende Kompatibilität mit allen gängigen Systemen garantiert. Die Masterscans wurden nach Abgleich der Kontrast- und Helligkeitswerte mit dem Original separat gespeichert und dem Backup-Zyklus zugeführt. Daraus wurden nach Randbeschneidung und Ergänzung der exif-Angaben Jpegs mit 100 dpi Auflösung für den Einsatz im Internet generiert.

Die Suchmethoden sind flexibel angelegt. Der Informationssuchende kann z. B. zwischen der Benutzung von Filtern und einer Stichwortsuche (parametrische und Freitextsuche) oder auch einer Kombination dieser beiden Suchstrategien wählen. Des Weiteren wurde die Möglichkeit des direkten "Browsing" in den Bestandslisten ermöglicht.

Die Grunddatenbank wurde durch spezifische Datenbanken ergänzt, die kodikologischen und kulturhistorischen Ansprüchen gerecht werden sollen: einer Datenbank zu den Sekundäreinträgen, sowie einer Datenbank zu den Bucheinbänden (als Pilotprojekt in Auswahl). Den besonderen Anfordernissen einer Datenbank für arabische, persische und osmanische Handschriften wurde dadurch begegnet, dass man in arabischer Schrift, in den offiziellen Umschriften für das Deutsche (Deutsche Morgenländische Gesellschaft) und das Englische (Library of Congress), aber auch ohne Umschrift suchen kann. Für das Arabische und die zwei genannten Umschriftsysteme ist zudem eine separate Tastaturoberfläche integriert worden.

Anmerkungen

Die obigen Texte beziehen sich teilweise auf folgende Werke, die auch zur weiteren Vertiefung der Thematik empfohlen werden:

Döring, Detlef: Der Erwerb der Refaiya-Handschriften durch die sächsische Regierung im Jahre 1853, in Reuschel, Wolfgang (Hrsg.): Orientalistische Philologie und Arabische Linguistik. In: Asien-Afrika-Lateinamerika, Sonderheft 2 (1990), S. 19-23.
Fleischer, Heinrich Leberecht: Die Refaiya. In: ZDMG 8, 1854, S. 573-584.
Fleischer, Heinrich Leberecht: Kleinere Schriften, Bd. 3, Leipzig 1888.
Flügel, Gustav: Zwei Reisewerke der Refaija auf der Universitätsbibliothek zu Leipzig. In: ZDMG 18 (1864), S. 523-569.
Hartmann, Martin: Die arabisch-islamischen Handschriften der Universitäts-Bibliothek zu Leipzig und der Sammlungen Hartmann und Haupt. In: Zeitschrift für Assyrologie 23 (1909), S. 235-266.
Liebrenz, Boris: Arabische, persische und türkische Handschriften in Leipzig. Geschichte ihrer Sammlung und Erschließung von den Anfängen bis zu Karl Vollers, Leipzig 2008.
Roper, Geoffrey: World Survey of Islamic Manuscripts, 4 vols, London 1992-1994.
Vollers, Karl: Katalog der islamischen, christlich-orientalischen, jüdischen und samaritanischen Handschriften der Universitäts-Bibliothek zu Leipzig. Leipzig 1906 (Nachdruck Osnabrück 1975).